Sicherheit in Kolumbien – Eine Einschätzung der Situation

Sicherheit in Kolumbien – Eine Einschätzung der Situation

Veröffentlicht am 13. Apr, 2009 von Thomas Floracks in Meinung

Die Sicherheit in Kolumbien ist wahrscheinlich das Thema, das alle Kolumbienbesucher vor ihrer ersten Reise beschäftigt.
Es ist nicht einfach dieses Thema objektiv zu behandeln, da Sicherheit ein subjektives Gefühl ist. Ich möchte deshalb einfach meine Meinung, Erfahrungen und Einschätzung zu dem Thema geben. Dass andere Menschen andere Erfahrungen gemacht haben oder ein anderes Sicherheitsgefühl haben als ich und demnach zu anderen Schlussfolgerungen kommen können, nehme ich damit wissend in Kauf.

Wie misst man Sicherheit? Überfälle pro 100.000 Einwohner, Morde pro 100.000 Einwohner, Polizisten pro Einwohner? Wenn man einfach nur auf einige Statistiken schaut, ist Kolumbien mit Sicherheit ein gefährliches Land. Kolumbien liegt z.B. auf Platz 9 in der Liste “Morde pro Einwohner” mit 37 Morden auf 100.000 Einwohner (zum Vergleich: Deutschland 0,98 Morde pro 100.000 Einwohner). Wenn man jedoch bedenkt, dass Kolumbien vor 9 Jahren noch auf Platz eins dieser Liste mit 68 Morden pro 100.000 Einwohnern lag, ist die Entwicklung zumindest positiv. Andere Länder in Südamerika wie Guatemala und Venezuela haben inzwischen höhere Mordraten als Kolumbien. Außerdem sollte man bedenken, dass in einigen Teilen Kolumbiens bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. Der bewaffnete Konflikt zwischen Guerilla, paramilitärischen Einheiten, dem Militär und den Drogenkartellen haben einen großen Einfluss auf diese Statistiken. Bedenkt man nun, dass die wenigsten Ausländer ins Land reisen, um an diesem Konflikt teilzunehmen oder in gefährliche Gebiete (“rote Zonen”) reisen werden, dürfte die Mordrate Kolumbiens auf demselben Niveau “sicherer” Länder Südamerikas (wie z.B. Brasilien oder Argentinien) liegen.
Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass es in Kolumbien für einen Touristen unwahrscheinlicher ist, das Opfer eines Mordes zu werden als in vorher genannten Ländern. Die Aussage soll die Morde in Kolumbien nicht relativieren oder herunterspielen. Natürlich sind die vielen Morde eine traurige Wahrheit aber viele Verbrechen spielen sich in Gegenden und Stadtgebieten ab, in die 99% der Besucher niemals reisen werden. Daher ist es so ungemein wichtig auf die Ratschläge Ihrer kolumbianischen Freunde, Fremdenführer oder Hotelangestellten zu hören. Dieser Ratschlag ist ebenso wahr für Kolumbien wie für jedes andere Land, in das Sie reisen. Sie sollten auch keine Foto Tour in New York in Harlem machen oder in Rio de Janeiro alleine die Slums besuchen.
Eine Statistik im Zusammenhang mit der Mordrate, die mich traurig gestimmt hat, ist, dass in Kolumbien nur 7% aller Morde jemals aufgeklärt werden und zu Verurteilungen führen. In manchen Regionen Kolumbiens gibt es immer noch keine ausreichende Präsenz der Justiz und deshalb auch keine Gerechtigkeit. Deshalb frage ich mich auch, ob wirklich alle Verbrechen in diesen Regionen gemeldet werden oder ob die Opfer einfach “verschwinden”, als vermisst gemeldet werden und niemals in den Statistiken auftauchen. Aber das ist ein anderes Thema.

Wenn mich jenseits der Statistiken jemand fragt, wie sicher Kolumbien sei, sage ich: “Sicher in den Gebieten, die Sie besuchen werden”. Kolumbien ist kein gefährliches Land weder für Touristen, noch für Geschäftsreisende. Wenn Sie auf Ihre Gastgeber hören, wird ihnen nichts zustoßen, das Ihnen nicht auch in Europa jederzeit passieren könnte wie z.B. Taschendiebstall oder eine geklaute Handtasche. Vor allem das vermeintlich hohe Risiko in Kolumbien Opfer einer Entführung zu werden, ist in Wirklichkeit sehr gering. Die größte Guerilla Organization des Landes “FARC”, hat erst vor einem Monat die letzte ausländische Geisel, den Schweden Erik Roland Larsson, freigelassen.
Reisen in Kolumbien sind sicher, auch auf dem Landweg und bei Nacht. Das deutsche Auswärtige Amt empfiehlt zwar immer noch nur per Flugzeug zu reisen, was meiner Ansicht nach aber völlig übertrieben ist. Sie können z.B. gefahrlos von Bogotá mit dem Bus an die Küste reisen. Die grösste Gefahr ist, dass Ihnen während der 20-stündigen Busfahrt das Hinterteil einschläft.

Persönlich lebe ich seit über 5 Jahren in Bogotá und bin in viele Teile des Landes gereist. Mir ist noch nie etwas passiert. Im Gegenteil. Die meisten Freunde aus dem Ausland, die mich in Bogotá besucht haben, sind überrascht wie ruhig und alltäglich das Leben in Kolumbien ist. Den bewaffneten Konflikt werden sie nur im Fernsehen oder in der Zeitung sehen. Das Auffälligste sind Ausweiskontrollen und eine ständige Militärpräsenz auf den Fernstraßen. Wie so oft auf der Welt wird die grausame Realität auch hier von der Gesellschaft ausgeklammert. Der bewaffnete Konflikt und Drogenkrieg fühlen sich auch in Bogotá fast so weit weg an wie in ihrem Wohnzimmer in Deutschland, wenn Sie einen Artikel über Kolumbien im Spiegel lesen.

Zusammenfassend denke ich, dass Kolumbien für Ausländer sicherer ist als viele andere Länder in Lateinamerika, die ich besucht habe. Das Land hat viele Probleme aber als Besucher werden Sie von diesen kaum berührt. Die Kolumbianer sind stets bemüht Ihnen einen positiven Eindruck des Landes zu vermitteln und sind meist hilfsbereit. Sie werden erstaunt sein wie viele Ihrer Vorurteile und Ängste unberechtigt waren, wenn Sie erst einmal den Mut gefasst haben dieses einmalige Land zwischen Karibik, Pazifik, Anden und Amazonas zu besuchen.

Quelle Foto: Flickr

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14 Antworten zu “Sicherheit in Kolumbien – Eine Einschätzung der Situation”

  1. fidel castro

    01. Jun, 2009

    Informativer Beitrag! Man höhrt ja immer nur schlechtes und böses über Kolumbien…Vielen Dank

  2. chris

    19. Jun, 2009

    von Harlem scheint der gute allerings nicht viel zu wissen… die 70er jahre sind bald 40 jahre her ;-)

  3. Thomas Floracks

    19. Jun, 2009

    Point taken! :-) Von Harlem hab ich keine Ahnung. Der Punkt ist, dass jede Großstadt “gefährlich” sein kann, wenn man sich unvernünftig verhält. Entschuldigung Harlem, sollte ich ein überholtes Klischee bedient haben.

  4. Saskia Stolpe

    02. Jul, 2009

    Ich bin nun auch seid knapp 5 Monaten in Kolumbien / Bogotá und kann diesen Beitrag nur zustimmen.

  5. How To

    15. Jul, 2009

    Tja, das Leben kann so einfach sein, mann muss nur glück haben.

  6. anna

    22. Sep, 2009

    Sehr interessanter Beitrag.
    Ich habe eine Reise nach Kolumbien und Ecuador geplant und wollte mal fragen wie sicher es eurer Meinung nach ist die Landesgrenze auf dem Landesweg zu passieren. Als ich in Ecuador gelebt habe, habe ich nichts Schlimmes gehört. Ist mir da soviel entgangen?

  7. Udo

    10. Okt, 2009

    Ich kenne Kolumbien sehr gut und kann diesen Beitrag auch nur bestätigen. Bei meinen zahlreichen Reisen durch das Land ist mir nie etwas passiert, auch habe ich mich nie “bedroht” gefühlt. Klar, die Sicherheitskontrollen an den Fernstrassen nerven manchmal, aber ich sage mir dann, dass es zu meiner eigenen Sicherheit ist. Eine kleine Anekdote: Ein kolumbianischer Freund von mir hat ein Stipendium für ein Studium in Buenos Aires bekommen. Am ersten Tag in Argentinien wurde ihm die Kamera geklaut und er meinte nur, dass ihm so etwas in seinem ganzen Leben nicht in Kolumbien passiert ist. So viel zum Thema “gefährliches Kolumbien”.

  8. Jürgen

    17. Okt, 2009

    Hallo, ich möchte auch gerne mal Bogota besuchen, nur bisher traue ich mich nicht. Da man halt zu viel Negatives bisher lesen konnte. Von wegen Überfälle usw.

    Dieser Artikel hier macht mir allerdings etwas Mut.

  9. Thomas Floracks

    17. Okt, 2009

    Hallo Jürgen,
    wenn du alleine nach Kolumbien kommst, würde ich dir empfehlen vorher jemanden in Couchsurfing zu kontaktieren (Registrierung erforderlich).
    Auf der Seite der Bogota Gruppe findest du viele nette (junge) Leute aus Kolumbien und Ausländer, die in Bogota wohnen, die gerne bei allen Fragen helfen und auch immer wieder Treffen und Parties organisieren. Meistens können die dir auch helfen Leute in anderen Städten Kolumbiens zu finden, wenn du durch das Land reist.

    Sprichst du Spanisch? Spanisch Kenntnisse sind empfehlenswert, wenn du alleine reisen willst.

    Ich hoffe, dass du den Mut findest irgendwann mal Kolumbien zu besuchen.

  10. Alex

    21. Okt, 2009

    Auch ich kann das alles nur bestätigen! War 2 Mal in Kolumbien, bin grade vor 3 Wochen vom letzten Mal wiedergekommen. Ich war mit dem Bus in vielen Teilen des Landes und das gefährlichste ist die Fahrweise der Leute (siehe Unfallstatistik). Überfälle und dergleichen jedoch nicht, egal ob man nach Santa Marta, Cali oder Medellín fährt. Ich war im Amazonas was auch sicher ist und das Land ist von der Natur her einfach unglaublich. Also traut euch! Ihr werdet überrascht sein!
    Mir ist übrigens ein Überfall passiert…von Kindern mit Messern als ich Nachts alleine durch La Candelaria gelaufen bin, was man nicht machen sollte, aber das war nachdem ich bereits 5 Monate dort war und mir nie etwas passiert ist. Wenn man die gängigen Regeln befolgt wird einem nix passieren!

  11. Wolfgang

    04. Jan, 2010

    Für Touristen sehen wir auch keine Gefahr die größer ist, als in vielen anderen Gegenden der Welt. Ich sage immer, auf deutschen Autobahnen ist es gefährlicher.
    Wenn man in Kolumbien lebt, sollte man vor allem vorsichtig damit sein, zu zeigen, dass man Geld hat. (Wenn man es hat)

  12. tarik

    08. Feb, 2010

    hey wer kann mir denn helfen ich möchte auch nach kolumbien habe aber leider keine spanisch Kentnisse, ist es gefährlich wenn ich dort alleine bin?

  13. Rene Georgi

    27. Mrz, 2010

    Hallo…Ich war noch nie in Kolumbien moechte es aber in diesem Jahr nachholen. Ich habe soviel ueber Kolumbien gelesen und gehoert, dass ich mich bereits jetz schon in dieses Land verliebt habe. Ich bin auf der Suche nach Deutschen die in Kolumbien leben, da ich vor haben meinen naechsten Lebensabschnitt nach Kolumbien zu verlegen. Wer kan mir da mit Rat zu Seite stehen?

  14. J.H.

    16. Mai, 2010

    Ich lebe seit ueber einem Jahr in Kolumbien. Mir ist noch nichts passiert, und nach diversen Landbeschauen, Autokauf, Organisationvon Wohnraum und Arbeitern nicht nur im Bogota sondern auch auf Doerfern im Andenraum bin ich naeher an Konfliktherden als in Bogota.
    Ich glaube auch, dass die ganze Gefaehrlichkeit ueberhaupt in Lateinamerika einen anderen Charakter hat als wir in Deutschland gewoehnlich meinen. Wer sich nichts zu Schulden kommen laesst, nichtin oeffentlichen Angelegenheiten mitmischt, nicht als Angeber auftritt und die Divise unserer Grossvaeter beherzigt: ‘Nach 20 Uhr ist kein Anstaendiger Mensch mehr auf der Strasse, sondern da geht man bei sich zu Hause zu Bett.’ , der duerfte relativ sicher sein, dass ihm nichts zustoesst.
    Die Gefahren, die jeden betreffen, moegen tatsaechlich die verschiedensten Anlaesse haben, die wir immer in der Presse mitgeteilt bekommen. Ursache ist aber meist die sehr beschraenkte Sicht krimineller Taeter/anderer Verursacher von Schaeden, und das ist wirklich eine Gefahr, die wir in Europa sehr viel weniger kennen.

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